Warum schildern sich Jugendliche als passiv, depressiv und zynisch? Das scheint der Knackpunkt der einstündigen Koproduktion „Klarkommen“ des Performance-Kollektivs Backsteinhaus Produktion und der Jungen Oper zu sein, die im Nord Premiere hatte. Angela Reinhardt war dabei.
Ist die junge Generation wirklich derart träge? Wenn man etwas aus der Stückentwicklung „Klarkommen“ bei der Jungen Oper mitnimmt, dann ist es Selbstmitleid als das Befinden à la mode. Das gute Dutzend junger Erwachsener, das immer wieder lange auf dem Boden rumliegt, scheint sich in einem beständigen Zustand des Überfordertseins, der Müdigkeit, des Sich-nicht-aufraffen-Könnens zu befinden. Besonders frappierend wird das beim Schlussbeifall, wo sich die Jugendlichen ganz anders zeigen als sie gerade ihre eigene Generation im Stück geschildert haben: Da hüpfen sie begeistert, quirlig und unbändig stolz auf ihr Theaterstück über die Bühne.

Selten musste man sich so anstrengen, irgendetwas aus dem Ankündigungstext im Gesehenen wiederzuerkennen: „Was würde passieren, wenn es einfach nicht so wie bisher weiterginge? Wenn die Angst plötzlich ziemlich überzeugend oder das graue Gefühl sehr groß werden würde? Die Lage wäre dramatisch. So dramatisch, dass 16 junge Erwachsene die Oper einnehmen müssten. Die Oper als Arena für die Verhandlung von Widerständen oder gesellschaftlichen Umstürzen. Als Schauplatz der großen Gefühle und als Spielraum für existentielles gemeinsames Ertragen“, hieß es vorab.
Wo ist hier die Oper?
Das gemeinsame Ertragen wird mehr als deutlich, aber ganz ehrlich, wo ist hier die Oper? Wovor haben sie Angst, wo ist die Dramatik? Weder wird Opernmusik zitiert noch in irgendeiner Weise auf das Gebäude oder die Idee der Oper angespielt, die einzige Verbindung ist die Bitte-keine-Handys-Ansage, die im Opernhaus vor den Aufführungen läuft. Sie wird hier anfangs Volker-Lösch-mäßig im Chor gesprochen, mit bewusst aufsässigen Anweisungen auf mehrere Minuten ausgedehnt. Wir sollen laut sein, wir sollen stören, heißt es da. Warum macht ihr das nicht selbst? Die Hippies der 1960er, die jungen Atomkraft-Gegner der 1980er mit ihren Palästinenserfeudeln hätten das gemacht. Diese Horde Blumenkinder sinkt auf ihre Kissen zurück.

Musik gibt es wohl, und sehr gute Musik – gesungen werden hauptsächlich Rockballaden, selbst komponiert und begleitet. Aber Leute, das langt nicht für eine Rockoper. Die Songtexte, die genau wie die Ausstattung und auch die minimale Choreografie aus den Proben entstanden sind, kreisen beständig ums „Ich“: „How can I cope with the future“ oder „I’m not myself anymore“. Selbstreferenzialität prägt auch weitere Szenen, die Megariesenpizza etwa, die zwischendurch angeliefert wird, weist wohl auf die Verpflegung beim Probenprozess hin. Oder worauf sonst? Und so kreiselt das Stück mitsamt Insassen weiter um sich selbst und liefert zwischendurch die wahre, wenngleich bekannte Erkenntnis, dass das Handy der Ursprung allen Übels ist. Anstatt mal auf die wichtigen Themen hinzuweisen, die die Jugend von heute wirklich in Todesangst versetzen sollten.
Bekannt für eine knallharte Bewegungssprache
Hinten in der Mitte sind die Instrumente einer Band aufgebaut, zwischen zwei großen rosafarbenen Hügeln, die wie gelandete Brustimplantate aussehen. Ein ferngesteuertes Spielauto kommt und baut einen Unfall, Paare umarmen sich, einige der Darsteller setzen sich ins Publikum. Schade, dass Nicki Liszta von Backsteinhaus, die als Choreografin eigentlich für eine knallharte, optisch schmerzende Bewegungssprache und deutliche Bilder bekannt ist, mit den Jugendlichen nur ein kleines Vor-sich-hin-Wogen, ein tröstendes Umarmen auf die Bühne bringt. „I will try to fix you“, heißt es in einem weiteren schönen Songs zum Schluss, bevor die reichlich anwesenden Familien und Freunde den Abend zu einem Erfolg klatschen.
Fotos: Björn Klein
Weitere Aufführungen: 5./6. Juni, 10.-12. Juli, https://www.staatsoper-stuttgart.de/junge-oper/


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