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Markus Korselt (Foto: Wolfgang Schmidt)

SKO-Intendant Markus Korselt: Stehenbleiben wäre unkreativ

Lesezeit: 3 Minuten

In „Goldbergs Traum“ verbindet das Stuttgarter Kammerorchester Bachs Goldberg-Variationen nicht nur mit zeitgenössischen Kompositionen, sondern auch mit Künstlicher Intelligenz. Jürgen Hartmann sprach darüber mit SKO-Intendant und Initiator Markus Korselt.

Jürgen Hartmann: Herr Korselt, es ist derzeit nicht gerade einfach, Sie ans Telefon zu bekommen …

Markus Korselt: Das hat natürlich mit „Goldbergs Traum“ zu tun. Man muss sich vorstellen, dass bei diesem Projekt dreißig Leute zusätzlich zum Orchester beteiligt sind, und das seit nunmehr gut zwei Jahren. Jetzt gilt’s, und diese Wochen sind entsprechend turbulent.

Jürgen Hartmann: „Goldbergs Traum“ ist ein audiovisuelles und immersives Konzept. Audiovisuell erklärt sich selbst. Immersiv bedeutet, man taucht in eine virtuelle Umgebung ein. Braucht das Publikum dazu besondere Werkzeuge?

Markus Korselt: Darüber haben wir am Anfang nachgedacht, aber es war schnell klar, dass wir so etwas wie VR-Brillen nicht nutzen wollen. Wir wollen die klassische Konzertform neu deuten. Deshalb findet es im Abonnement statt und kann genauso besucht werden wie ein Programm mit Mozart und Haydn.

Jürgen Hartmann: Wird die Abfolge der drei Musikstücke – also Goldberg-Variationen in Orchesterversion plus zwei neue Werke – klassisch nacheinander sein oder werden die Stücke miteinander verschränkt?

Markus Korselt: Wir werden im Prinzip die Stücke linear nacheinander hören. Sie werden verbunden durch Animationen auf den riesigen Bildschirmen, die wir im Beethovensaal aufgestellt haben. Das verbindende Element, die Übergänge, schafft das Sounddesign. Außerdem haben wir eine KI um eine zusätzliche Goldberg-Variation gebeten. Nach dieser KI-generierten Variation wird mit Sounddesign der Übergang zur Uraufführung von Gerriet K. Sharma geschaffen. In seinem Stück „This is Water“ arbeiten Orchester und Elektronik zusammen, aber auch der Saal wird zum Instrument. Im Übergang zum letzten Werk, „In C“ von Terry Riley, wird der Roboter, den wir dabeihaben, einbezogen, damit er das gemeinsam mit dem Orchester spielen kann. Die Stücke selbst werden also kaum angetastet, wir haben Respekt vor dem Werkgedanken.

Jürgen Hartmann: Aber ist die Integration von KI nicht das genaue Gegenteil der historisch informierten Aufführungspraxis, nach der die Musikwelt gut vier Jahrzehnte lang gestrebt hat?

Markus Korselt: Das ist eine sehr, sehr spannende Frage, mit der wir uns intensiv auseinandersetzen: Warum nehmen wir ein Werk von Bach, das wir erstens nicht komplett spielen, zweitens nicht auf dem Originalinstrument, drittens in einem viel zu großen Saal? Obwohl ich ein ausgewiesener Freund der historischen Aufführungspraxis bin, haben wir Bach ausgewählt, weil Bach die Grundlage ist für alles, was nach Zukunft klingt. Bei allem Respekt vor dem Werk von Bach wollen wir aber auch einem bekannten Konzert- und Werkbegriff besondere Würze hinzufügen, neue Ausdrucksmöglichkeiten erkunden. Dabei gehen wir ein gewisses Risiko ein, aber gerade weil wir Bach so hochschätzen, wollen wir in diesem Konzert nicht auf ihn verzichten. Wir wollen auch an seinem Werk zeigen, was technische Gewürze ermöglichen an neuen künstlerischen Erfahrungen. Wir haben ein ausgefuchstes Lautsprechersystem, mit dem wir zielgerichtet Klänge in den ganzen Saal schicken können. Wir machen den Saal lebendig. Da dies ein integraler Bestandteil der künstlerischen Dramaturgie ist, haben wir uns erlaubt, Bach hierfür etwas neu zu sehen, ohne dass wir glauben, dass es der Weisheit letzter Schluss ist oder Bach dies unbedingt bräuchte. Im Gegenteil – unser Projekt braucht Bach und wir glauben, dass es statthaft ist. Wie das Publikum es einschätzt, werden wir sehen!

Jürgen Hartmann: Ich höre heraus, dass die Frage, ob das Konzept künstlerisch begründbar ist oder Technik um der Technik willen, Sie ständig begleitet hat.

Markus Korselt: Je länger das Projekt in Arbeit war, umso stärker haben wir die Technik zurückgefahren. Ein Learning aus allen digitalen Projekten, die wir bisher gemacht haben, ist, dass Technik dann stark ist, wenn sie etwas macht, was ein Mensch so nicht leisten kann. Aus diesem Bewusstsein heraus haben wir die Technik etwas zurückgefahren. Reine Technik wäre fürchterlich langweilig, es bleibt ein klassisches Konzert. Die Technik ist das Gewürz und nicht das Gericht.

Jürgen Hartmann: Und denken Sie, dass dieses Gewürz in Zukunft immer öfter hineingestreut wird?

Markus Korselt: Da habe ich grundsätzlich keine Zweifel, aber ein Konzert von diesem Umfang wird man so schnell nicht mehr erleben. Der Aufwand ist phänomenal groß, sowohl an Zeit als auch an Geld. Insofern glaube ich, dass einzelne Bestandteile dieses Konzerts sich an den geeigneten Stellen integrieren werden, und es wäre toll, wenn unser Konzert Anregungen dazu geben könnte, sich mit neuen Ausdrucksmöglichkeiten auseinanderzusetzen. Denn die klassische Musik ist gut beraten, wenn sie das traditionelle Abo-Konzert der 1950er-Jahre weiterzudenken versucht, ohne dass das eine durch das andere ersetzt werden muss. Stehenzubleiben wäre ziemlich unkreativ.

Das Konzert „Goldbergs Traum“ findet am 3. Oktober um 19.30 Uhr im Beethovensaal der Liederhalle Stuttgart statt. Ab 17.00 Uhr ist im Foyer die Videoinstallation „Goldberg’s Cave“ von Boris Eldagsen  zu sehen.

Basisinfos gibt es auf der Website des Stuttgarter Kammerorchesters. Das Foto von Markus Korselt machte Wolfgang Schmidt für das Stuttgarter Kammerorchester.


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