Vertikaltanz bei den Schlossfestspielen: Die italienischen Tänzer:innen von Il Posto schwebten an der Fassade und Kesseltöne-Rezensentin Angela Reinhardt schaute zu.
Winzige Figuren wirbeln vor der monumentalen Barockfassade der Ludwigsburger Stadtkirche, bunte Störfaktoren in der steinernen Ruhe. An Seilen schweben sie von den beiden Türmen herab, stoßen sich von der Fassade weg. Sie verfolgen nacheinander, umarmen sich, hängen kopfüber. Die einzige Bewegungsrichtung ist nach unten. Von den Balkongittern der beiden Türme, gute 30 Meter über der Erde, springen sie über die Holzlamellen hinweg, hinter denen die Glocken hängen, über die großen Uhren. Sie landen auf den Mauervorsprüngen, gehen auf der nackten Wand entlang. Ihr Motor ist die Schwerkraft. Mal stürzen sie meterweise hinunter, manchmal schweben sie still in der Luft.
Von unten staunen die Ludwigsburger hinauf. „Variazioni Verticali“ ist am Samstag gewissermaßen das Vorprogramm zum großen Musikfeuerwerk, das zwei Stunden später in den Schlossgärten stattfinden wird. Die italienische Choreografin Wanda Moretti ist die europäische Pionierin der Vertikalchoreografie – will heißen, des Tanzens in der Luft und an Seilen, an Fassaden und Denkmälern oder auch freischwebend an Kranen. Seit 30 Jahren ist sie in dieser Spezialdisziplin unterwegs.
Hineinwirken in den Stadtraum
Gemeinsam mit dem Jazzmusiker Marco Castelli und sechs Luftakrobat:innen ihrer venezianischen Kompanie Il Posto war Moretti nun vier Tage bei den Schlossfestspielen zu Gast. Zweimal schwebten die Künstler:innen im Hof der Karlskaserne und zweimal an der Stadtkirche, die im September ihr 300-jähriges Jubiläum feiert. Dort standen und saßen mehrere Hundert Zuschauer auf dem Marktplatz. Manche hatten sogar Verpflegung mitgebracht, was sich für die halbstündige Aufführung aber kaum lohnte. Die kostenlose Kunst mitten in der Stadt faszinierte auch viele zufällige Passanten: Das Hineinwirken der Schlossfestspiele in den Stadtraum macht noch immer einen guten Teil ihres Charmes aus.

An Kirchtürmen schwebend: Mitglieder der Vertikaltanzkompanie Il Posto
Die Bedingungen waren ideal – der leichte Abendwind ließ die bunten, langen Pina-Bausch-Kleider der drei Frauen wehen, die Männer trugen verwegen-offene Hemden über schwarzen Hosen. Je vier Seile waren an jedem der beiden Türme befestigt. Zunächst tanzten die Künstler jeweils einzeln nach unten, später vereinten sie sich zu Paaren, verfolgten sich, überkreuzten ihre Seile. Da sie mit einer (kaum sichtbaren) Sitzhalterung und Bauchgurt an den Seilen befestigt sind, geht alle Bewegung von der Körpermitte aus.
Das macht durchaus einen Unterschied zum „normalen“ Tanz aus, der sich stets auf den Boden bezieht (ob er ihn ignorieren will wie der klassische Tanz oder sich von ihm angezogen fühlt wie der moderne Tanz). Das Wirbeln aller Extremitäten, das Um-sich-Schlagen und Abstoßen von der Wand sorgte für spannende Effekte. Allerdings bleiben, weil die Schwerkraft mittanzt, alle Bögen, alles Abstoßen und Zueinander-Schwingen kurz. Spannend wird es, wenn die Gravitation aufgehoben scheint, wenn die Tänzer kopfüber und langsam herabsinken, wie Vampire oder Insekten.
Konkurrenz für die Engel
Marco Castelli steuerte ein Saxofonsolo, Rhythmus- und Geräuschmusik, später flotten Jazz bei. Bekannt wurde die Luftakrobatik durch die Gruppe „De La Guarda“ aus Buenos Aires, die weltweit mit ihrem Programm tourt. Auch das wilde Lianen-Turnen im Musical „Tarzan“ ist Vertikalchoreografie und Aerial Dance. Im Zirkus heißt die Kunst dann Vertikalseil oder Vertikaltuch; dort schweben die Artisten ganz frei, ohne Halterung.
Die virtuosen italienischen Tänzer schwangen sich am Ende, am rechten Kirchenturm beleuchtet von der untergehenden Sonne, weit hinaus an die Mauervorsprünge, versteinerten dort und machten als farbenfrohe, viel zu schöne Wasserspeier und Neidköpfe den braven Engeln auf der Stadtkirche Konkurrenz.
Weitere Vorstellungen sind nicht vorgesehen. Infos zum Festivalprogramm unter www.schlossfestspiele.de.
Fotos: Andrea Veroni (oben), Wanda Moretti


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