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Erstaunlich: Internationaler Wettbewerb für Liedkunst Stuttgart

Lesezeit: 3 Minuten

Mit dem Preisträgerkonzert ging der Internationale Wettbewerb für Liedkunst Stuttgart der Hugo-Wolf-Akademie (IHWA) zu Ende. Jürgen Hartmann berichtet über Programm, Niveau und darüber, dass die Jury zwar alle Finalisten bedachte, aber den zweiten Preis ausließ.

Wenn in einem Wettbewerb ein zweiter Preis nicht vergeben wird, so darf man spekulieren, soll damit wohl der Abstand der Gewinner zu den Drittplatzierten markiert werden. Beim Preisträgerkonzert des Internationalen Wettbewerbs für Liedkunst Stuttgart im Konzertsaal der Stuttgarter Musikhochschule sagte die Juryvorsitzende Brigitte Fassbaender dazu natürlich nichts, was die Entscheidung aber auch nicht gerade verständlicher machte.

Bei einem insgesamt staunenswerten vokalen und pianistischen Niveau der Finalist:innen, alle zwischen Mitte zwanzig und Mitte dreißig, teils noch studierend, überzeugten die drittplatzierte Sopranistin Johanna Beier und der Pianist Tarek El Barbari rundum, das gewinnende Duo Emil Greiter (Bassbariton) und Paul Breyer (Klavier) nur eingeschränkt.

Operettenhafte Untertöne

Beier und El Barbari präsentierten ein abwechslungsreiches Kleinprogramm von Schubert über Akademiepatron Wolf bis zu Entdeckungen von Hedwige Chrétien und Jake Heggie. Dabei vernachlässigten sie auch die beinahe operettenhaften Untertöne des Wolf-Lieds „Nimmersatte Liebe“ und die jazzigen, hintergründig heiteren Aspekte von Heggies „Snake (Eve Song)“ nicht.

Dieses Wandeln auf Seitenpfaden wirkte fast schon subversiv im ansonsten sehr seriös daherkommenden Abendprogramm. Johanna Beier hat überdies eine außerordentlich schöne, silberglänzende Stimme mit großer Ausdruckskraft, verfügt wie tatsächlich alle preisgekrönten Sänger:innen über stupende Legato-Fähigkeiten, und Tarek El Barbari schlägt und streichelt seine Tasten mit ebenso farbenreicher Charakterisierungskunst.

Bedächtiger Vortrag

Die Hauptgewinner Emil Greiter und Paul Breyer blieben demgegenüber konventionell und vorsichtig: Sie trauten sich in ihrem Kurzprogramm mit Schubert, Wolf und Amy Beach nur ganz am Schluss, in Wolfs „Der neue Amadis“, einen direkteren Zugang mit immer noch sehr wohldosierter Derbheit. Mit „Fühlt meine Seele“, einem der Michelangelo-Lieder, hatten sie sich zuvor an Hugo Wolfs schwerste Kost gewagt. Greiter verfügt über eine in allen Registern wohltönende Stimme und Breyer ist ein hörbar vielseitiger Musiker. Aber ihr fast noch jugendliches Alter (beide Jahrgang 2000) hätte das Gewinnerduo durchweg als Lizenz zu einem weniger bedächtigen Vortrag nutzen können.

Man verstehe nicht falsch: Alle vier – Greiter, Breyer, Beier, El Barbari – sind herausragende junge Musiker:innen, stimmtechnisch und pianistisch ohne jeden Fehl und Tadel, sympathisch und mit sehr guten Karriereperspektiven. Aber die Zukunft der chronisch gefährdeten Konzertform Liederabend hängt eben auch davon ab, wie man den Anforderungen moderner Zeiten nach immer Neuem, Überraschendem, Ungewöhnlichem entgegenkommt, ohne sich künstlerisch etwas zu vergeben.

ERSTAUNLICHes Niveau

Die Jury, immerhin unter Leitung einer höchst renommierten Mezzosopranistin, krönte ausschließlich Soprane und Baritone – was sicher nur Zufall ist. Mit Förderpreisen wurden drei weitere Liedduos bedacht. Zu Recht, denn auch die Duos Alice Dreier/Jou-Yu Shieh, Bruno Meichsner/Wan-Yen Li und Èlia Farreras-Cabero/Lucas Huber Sierra demonstrierten, auf welchem hohen Stand heutzutage von jungen Leuten das Kunstlied interpretiert und als Gattung respektiert wird.

IHWA-Vorstand Hansjörg Bäzner und Hochschulrektor Axel Köhler nahmen sich zwanzig Minuten Zeit für Begrüßung und Grußwort, der eine schwäbisch-nüchtern-präzise und mit der Last zahlloser Danksagungen beschwert, der andere sächsisch-charmant-ausufernd und mit einer hübsch passenden Anekdote aus der Zeit Augusts des Starken. Dass auch IHWA-Intendantin Cornelia Weidner mittels Lobesworten, Blumenstrauß und starkem Applaus gepriesen wurde, war gewiss berechtigt, denn die fortwährende Arbeit der Hugo-Wolf-Akademie für das Kunstlied, auch mit neuartigen Präsentationsformen, versteht sich nicht von selbst.

Für den Liedwettbewerb hatte man nämlich nicht nur mittels Repertoirevorgaben zugunsten von Komponistinnen dem Publikum echte Entdeckungen ermöglicht. Auch drei Kompositionsaufträge zum Rilke-Jahr waren aufschlussreich. Isabelle Aboulker, Outi Tarkiainen und Elisenda Fábregas, Komponistinnen aus drei Ländern und Generationen, hatten Gedichte von Rilke vertont – und die Ergebnisse tönten verblüffend ähnlich: Traumverlorene Inseln im großen Meer des Kunstlieds.

Foto: Reiner Pfisterer, (v.l.n.r.) 1. Preis, 3. Preis und die Förderpreisträger:innen


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