Tieftraurig und zu jung gestorben – das soll Franz Schubert sein? Gar nicht, findet unser Autor Holger Schneider, der einem Liedprogramm der Hugo-Wolf-Akademie (IHWA) mit Samuel Hasselhorn (Bild) und Ammiel Bushakevitz lauschte: kein Kitsch, kein Klischee, nur riesiges Glück.
Wien, Winter auf das Jahr Zweitausend, Silvestertage voller Schmäh, Schnitzeljagd und Schneelawinen. Bleibendes Bild: ein unerträglich geschmackloses, bestürzend riesiges Gemälde im Frühstücksraum der wahrscheinlich morbidesten Pension der Josefstadt. Schubert, untersetzt, nein niedergedrückt, vollends leerer, endlos verlorener Blick, ein perfekt gemaltes tieftrauriges Klischee. Ach, der Schubert, „fremd eingezogen“, „mit heißen Tränen“, „unglücklichster, elendster Mensch auf der Welt“, „so zerteilte ihn die Liebe und der Schmerz“, „Tragische“, „Unvollendete“ und so fort… Wien bleibt Wien. Klischees und Kitsch sind wohlfeil in dieser Stadt. Das gilt insbesondere für unsern Franzl, den „Paul McCartney des Biedermeier“, dessen Lebensbild, mit „Schwammerl“, „Dreimäderlhaus“ und Postkartenkitsch beginnend, sukzessive in posthume Verzerrung geriet.
Ein wundervoll komponiertes Programm
Ein Mann Ende zwanzig, der sich mit aller Kraft gegen seine Krankheit und depressiven Zustände hinwegarbeitete, der wie ein Besessener komponierte, dem der Alkohol als einziges wirksames Betäubungsmittel gegen körperliche und seelische Schmerzen geblieben war. Dieser Schubert verkam über viele Jahrzehnte zum Objekt eines überzeichneten Mitleids. Als würde man ihm seine Schmerzen möglichst authentisch bewahren und erneut aufbürden – schon um das Klischee nicht zu gefährden. Scheinbar treffendes Bild des Dirigenten und Musikforschers Peter Gülke, der Schuberts Tod als „musikgeschichtliche Katastrophe“ bezeichnete: Unabhängig davon, dass es müßig ist, über eine mögliche Lebens- und Schaffensverlängerung eines Künstlers nachzudenken: Ist es nicht einfach nur ein riesiges Glück, dass wir unendlich viel Musik von Schubert haben? Wer kennt Schuberts ganze Kammermusik? Wer von uns hat je wirklich alle Lieder gehört?

Ein umwerfendes Duo: Samuel Hasselhorn und Ammiel Bushakevitz.
So folge ich voller Freude der Einladung in den Weißen Saal des Neuen Schlosses, der bei jedem Besuch immerhin, halbverborgen, einen winzigen Hauch jener Patina preisgibt, mit der das Wiener Dasein grandios überschüttet ist. Besser Schubert also hier, heute, ein Jahreseröffnungskonzert der IHWA (lernt es auswändig: Internationale Hugo-Wolf-Akademie für Gesang, Dichtung, Liedkunst e. V.), zumal: mit einem wundervoll komponierten Programm, zumal: mit dem umwerfend agierenden Duo Samuel Hasselhorn (Bariton) und Ammiel Bushakevitz (Klavier), zumal: mit Liedern (und Klaviertänzen), die eben nicht allenthalben erklingen. Eine erlesene Selektion, klug, dramaturgisch stimmig, das ergebene Publikum feinfühlig mitnehmend auf die ganze Reise, atemloses Einigsein im beifallslosen Übergang von einem Lied zum andern…
Jedes Lied eine kleine Oper
Zumal: dem Lauf des Schubertschen Schaffens folgend, 200 Jahre danach, mit dem groß angelegten CD-Projekt „Schubert 200“, das die Entstehung der Lieder jener Jahre nachzeichnet als lebendige Musikgeschichte, tausendmal besser als schematisches Rekurrieren auf zufällige Jahreszahlen von Geburt und Tod. Und in diesem Programm, eigens für den Stuttgarter Abend zusammengestellt, kamen »Licht und Schatten« mit einem schönen Vorausblick auf das 26-er Motto »Hoffnung« zusammen. Ein großes Zumal: es war umwerfend, es war sehr fesch und es war erschütternd und es war lieb und köstlich und traurig und ja, sehr hoffnungsfroh, und es war ehrlich und volles Risiko und eben einfach ein Bann über die ganze Konzertdauer.
An diesem Abend finden Oper und Lied zu einer grandiosen Symbiose.

Erster Eindruck: Niemals, ja niemals rollten die R‘s so schön durch den Weißen Saal – ein Sänger, dem famoseste Sprecherziehung zuteil wurde bzw. es ein Anliegen ist, auch ohne Textheftchen (danke fürs dennoch gedruckte!) verstanden zu werden: ein Gourmand des Konsonantischen, wie selten geworden! Im Verlaufe zeigt sich, nachdrücklich prägend, dass hier ein Sänger in engster Umarmung mit dem Saitenschlag des Pianisten jedes der Kunstwerke mit seinem ganzen Ich erlebt, nachzeichnet und ins eigene Heute, mit sehr persönlicher Ausdeutung lebendig macht. Hasselhorn stand ganz früh auf der Opernbühne, hat gleichwohl die Liedwelt rechtzeitig für sich entdeckt. An diesem Abend finden Oper und Lied zu einer grandiosen Symbiose, kurzum, heute erlebt: jedes Lied eine kleine Oper!
Wärme in der Winternacht
Bushakevitz‘ kleines Orchester singt die Lieder mit, für Momente verschmelzen Worte, Stimme und Klavierklang auf magische Weise. Wundervoll die Idee mit den Ländlern und Deutschen Tänzen zwischen den Liedblöcken: Ein Pianist im Dimensionsloch ins Wien Anfang 1826, kurzzeitig entrückt, unmerklich wieder übergehend zum perfekten Einklang mit seinem Duopartner. Dann drückt’s uns alle in die Sessel! Was für ein Akkord, welche Stimme! Sofern Du, Menschlein, je an ihr zweifeltest: „Die Allmacht“ des Herrn ward nie mächtiger manifestiert als an diesem Abend. Mögen die kleinen kristallnen Glasprismen der riesigen Saal-Leuchter mein Zeuge sein – ich vernahm sie, kaum wahrnehmbar, mit einem Klanggeklitzer aus unendlichfachem Pianissimo. Reminiszenz aus den Jugendjahren des vor Glück und Wonne berstenden Schubert-Sommers 1818: „Ich lebe und componire wie ein Gott…“
Noch viele zauberhafte Stellen habe ich mir im Programmheftchen notiert, so das unendlich freudvoll ins Meer des Lebens eintauchende „An Silvia“, das im Klavier versteckte Vöglein „Im Frühling“, der vor Leidenschaft berstende Sehnsuchts-Ritt in „Auf der Bruck“ oder das immer wieder so unsagbar schöne „Im Abendrot“. Mit Schuberts „Taubenpost“ und Mahlers „Urlicht“ aus dem „Wunderhorn“ entließen uns beide Künstlerherzen – mit einem gemeinschaftlich nachsinnenden Sekt-und-Butterbrezel-Abstecher im Foyer, dankeschön! – in die bittre Winternacht der kalt gewordenen Stadt. Mich fröstelt’s kurz ein wenig, aber tief drinnen bleibt’s noch lange warm.
Fotos: Nikolaj Lund und IHWA.


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