Die Online-Kulturzeitung für Stuttgart und Umgebung


Opfer als Täter: Charly Hübner und das Ensemble Resonanz

Lesezeit: 2 Minuten

Foto: Jann Wilken

Eigentlich wollten wir sie auf dem letzten Musikfest erleben: Das Ensemble Resonanz und Charly Hübner mit ihrer radikalen, mörderischen Interpretation der „Winterreise“. Corona kam dazwischen. Nun gibt es eine CD dieser Performance. Susanne Benda hat sie sich für uns angehört.

Seitdem Hans Zender 1993 in seiner „komponierten Interpretation“ der „Winterreise“ den schönen Melodien tiefe Wunden schlug, ist den 24 Liedern viel widerfahren. Erstaunlich: Schubert hält das aus. Nein, mehr noch, seine Lieder haben das Potenzial, ihre romantische Hülle mit Aplomb zu sprengen. Das gilt sogar für die Radikalität, mit der das Ensemble Resonanz und der Schauspieler Charly Hübner 14 Lieder des Zyklus mit Songs von Nick Cave zusammenbringen. Dabei fungiert Caves „The Mercy Seat“ als Einleitung zu einer Geschichte, welche die Perspektive umkehrt: Der einsame, von seiner Geliebten verlassene Fremde, der sich in Wilhelm Müllers Gedichten und in Schuberts Musik langsam aus der Welt entfernt, ist hier nicht Opfer, sondern ein Täter, der aus Rache und Eifersucht sein Liebchen umgebracht hat. Schlagzeug-Beats und Klänge der E-Gitarre durchdringen die Arrangements, mit denen Tobias Schwencke den Schubert-Liedern zeitgenössische Würze verleiht.

Die Darstellung des Schauspielers Charly Hübner bleibt in der Schwebe zwischen Innigkeit, Zärtlichkeit, Distanz und Parodie. Er singt selbst, völlig kunstlos. Und recht eigentlich ist, was man hört, auch kein Gesang, sondern irgendetwas zwischen Tonhöhen-Behauptung und Rezitation. Zwischendurch liest Hübner Texte aus Boris Sawinkows „Das fahle Pferd“, ein Gesangsverein singt eine friesische (?) Variante des „Lindenbaums“, und die Musiker des Ensembles Resonanz streuen Mahlers Adagietto aus der Fünften ein – einschließlich erfolgreich integrierter E-Gitarre. Spätestens mit dem Lied „Erstarrung“ kommen die Musik und der Erzähler aus dem Tritt; das „Auf dem Flusse“ und Nick Caves „Sweetheart come“ liegen dem Irrsinn näher als der Wirklichkeit. Der Leiermann klingt nach einem wirkungsvollen Aufwärts-Glissando der Streicher am Ende schließlich nur noch sprachlos von ferne an: eine Stimme, übertönt von vielen. Man ist erschüttert, hingerissen.

„Mercy Seat – Winterreise“. Mit Charly Hübner, Ensemble Resonanz (Resonanzraum Records/harmonia mundi).


Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert


Aktuelle Beiträge

  • Kosmopolit mit Humor
    Barak Marshall ist der neue Hauschoreograf bei Gauthier Dance. Die Kompanie hat ihn bereits ins Herz geschlossen, weiß unsere Autorin Angela Reinhardt.
  • Zwischen Kunst und Leben
    Beim Stuttgarter Eclat-Festival 2025 feierten die Neuen Vocalsolisten ihr 25-jähriges Bestehen als Kammermusik-Formation. Susanne Benda war beeindruckt von den Auftritten der Stimmvirtuos:innen, die immer mehr sind als nur Konzerte.
  • Wie war’s bei „Alice im Wunderland“?
    Sind das noch harmlose Späße? Das Theater tri-bühne empfiehlt seine Bühnenfassung von Lewis Carrolls Kinderbuchklassiker für Zuschauer:innen ab 14 Jahren. Ute Harbusch hat die neue Produktion gesehen und mit Petra Heinze darüber gesprochen.
  • Wie zwei spielende Kinder
    Jong Sun Woo und Giacomo Schmidt haben den Internationalen Wettbewerb für Liedkunst Stuttgart gewonnen. Jürgen Hartmann sprach mit dem Sänger und der Pianistin über das Liedgenre, über Vorbilder, über Tradition – und die Zukunft des Liederabends.
  • Zwischen Struwwelpeter und Gangsta-Rap
    Timo Brunke und die Hölderlin-Spoken-Word-Band mit „Mitteleuropapperlapapp“ im Theaterhaus: Wahnsinn und Weltliteratur, skurril und virtuos, findet Kesseltöne-Rezensentin Angela Reinhardt.